Freitag, 28. März 2014

Ein Award und wie Papatya an die Elbe kam....





Ich habe gestern eine ganz liebe Auszeichnung von Papatyam bekommen. Papatyam war mein erster Follower und ich habe mich damals so sehr über ihren ersten Kommentar auf meinem Blog gefreut, weil ich bis dato gedacht habe, "es interessiert sich keiner was du hier schreibst". 

Seitdem lese ich sehr gerne in ihrem Blog, worin sie hauptsächlich Geschichten aus ihrem Leben erzählt, und das so gut, dass man ihr stundenlang zuhören bzw. lesen möchte.

Papatyam hat ganz spezielle Fragen gestellt, die Aysenputtel,  by Dilek'ten  und mich vereinen, weil wir alle einen Migrationshintergrund haben.

Ich beantworte gerne ihre Fragen, und los gehts :


1. Wie alt warst du, als du nach Deutschland kamst?

Ich war fünf Jahre alt. Deshalb habe ich auch sehr viele Erinnerungen an meine alte Heimat und auch an die Zeit, als wir nach Deutschland kamen.

2. Für wie lange war euer Aufenthalt in Deutschland ursprünglich gedacht?

Ich glaube meine Eltern hatten keine genaue Vorstellung wie lange sie hier bleiben wollten. Aber so lange wie es dann im Endeffekt geworden ist, war sicherlich nicht geplant. Meine Eltern sind nach 31 Jahren harter Arbeit hier in Deutschland in die Türkei zurück gekehrt und genießen jetzt ihr Rentner dasein, was ich ihnen von Herzen gönne.
 
3. Bist du sofort mit deinen Eltern nach Deutschland gereist, oder wurdest du nachgeholt. 

Mein Vater ist ein Jahr vor uns nach Deutschland gekommen. Einen Job hatte er schon als er hier ankam, nachdem er auch eine Wohnung fand, holte er uns (Mama, Bruder und mich) ein Jahr später nach. Wir haben damals mit meinem Großvater zusammen, in seinem Haus in der Türkei gelebt und sind dann als "Familienzusammenführung" nach Deutschland gekommen :-)


4. Was waren die ersten Dinge, die dir in Deutschland sofort aufgefallen sind - vielleicht, weil sie so ganz anders waren als das, was du aus unserer alten Heimat kanntest?

Daran kann ich mich noch so gut erinnern, weil es ein so krasser Unterschied war.

Ich habe ja erzählt, dass wir mit meinem Großvater in seinem Haus gelebt haben. Das Haus war riesengroß, zweistöckig mit 5 Zimmern und einem sehr großen Eingangsbereich. Zu dem Haus gehörte auch ein großer Garten mit vielen Obstbäumen (Maulbeerbaum, Pfirsichbaum, Quittenbaum u.w.a) Mein Bruder und ich haben uns im diesem Haus austoben dürfen wie wir wollten und wir waren dementsprechend auch sehr laut beim spielen. Mein Bruder hatte den Spitznamen "Babam" von meinem Großvater bekommen, weil er so heißt wie mein Ur-Opa und ich bekam den Spitznamen "Papatya" weil ich lange, blonde Haare hatte. Wie gesagt, wir wurden von unserem Großvater sehr verwöhnt.


Und dann plötzlich, mitten im Hochsommer, stiegen wir in einen Flugzeug ein und kamen in ein kaltes Land und wurden in eine Wohnung gebracht mit 1 1/2 Zimmern!!! Die Wohnung war so groß, wie der Eingangsbereich von unserem Haus in der Türkei!!! Und wenn wir spielen wollten, fanden wir nichts vertrautes. Uns fehlten die Treppen, wo wir hoch und runtergelaufen sind, oder der Garten, wo wir nach Lust und Laune Obst gegessen haben und das allerschlimmste war, wir durften nicht laut sein!!! Wenn wir laut waren, kamen gleich die Nachbarn an die Tür oder sie haben gegen die Wand geklopft. Meine Güte, was für Sitten waren denn das. Wir haben sehr schnell gesagt, wir wollen zurück, mein Bruder und ich. Uns hat es in Deutschland überhaupt nicht gefallen. Okey wir hatten unseren Vater wieder, den haben wir ein Jahr lang sehr vermisst, aber sonst war alles anders, fremd und für ein Kind ziemlich traurig.

Das sind meine ersten Erinnerungen an unsere neue Heimat Deutschland!

5. Hast du in dieser Zeit etwas aus der Türkei vermißt, was du in Deutschland nicht hattest?

Ich habe meinen Großvater sehr vermisst. Er hat uns so geliebt und uns auf Händen getragen, und plötzlich war er nicht mehr ein Teil von unserem Alltag. Damals konnten wir nicht mal telefonieren! 


...mein Großvater, ein großartiger Mann...

Ich habe aber auch meine Freunde vermisst, unsere Spiele und meine sehr vertraute Umgebung. In der Straße wo wir gelebt haben, kannte jeder jeden, und man war ein Teil einer großen Familie.

 6. Hast du dich in deiner neuen Umgebung wohl gefühlt?

In der ersten Zeit nicht, weil ich die Sprache nicht konnte und weil ich keine Freunde hatte. Dann nach einer kurzen Zeit (ich weiß jetzt nicht ob es Wochen oder Monate waren) fühlte ich mich wohl.
Ich glaube allerdings, dass die Tatsache, das ich mit meinen Eltern zusammen war mich glücklich gemacht hat. Man ist überall glücklich, wenn man seine Liebsten um sich hat. Und zu der Zeit waren meine Eltern und mein Bruder meine Bezugspersonen. Das mein Großvater nicht da war, hat mich zwar geschmerzt, aber es war halt so.

7. Gab es einen Moment, ab dem du dich in Deutschland Zuhause gefühlt hast - wann war der?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich weiß gar nicht so genau, ob ich es beantworten kann. Weil ich fühle mich sehr wohl in Deutschland, hier bin ich zur Schule gegangen, hier habe ich meinen Mann kennen gelernt, hier habe ich meine Kinder geboren, und hier ist auch meine Tochter begraben. Also alles sehr wichtige Ereignisse, die mein Leben geprägt haben.

Ich glaube den einen Moment gab es nicht. Es gab viele kleine und große Momente, wo ich froh war in Deutschland zu leben.


8. Hast du je damit gehadert, dass deine Eltern diesen Schritt gemacht haben, mit dir nach Deutschland zu gehen?

Nein, nie. Ich war und bin, trotz aller Anfangsschwierigkeiten, sehr glücklich hier in Deutschland. Ich habe meine Eltern und meinen Bruder bei mir gehabt, wir haben jedes Jahr 6 Wochen Urlaub in der Türkei gemacht, ich bin zur Schule gegangen, mir hat es nie an Spielzeugen gemangelt und meine Eltern haben mich immer spüren lassen, wie sehr sie mich lieben. Was will man als Kind mehr? Ich kann glaube ich sagen, dass ich eine sehr glückliche Kindheit gehabt habe.

Später habe ich meinen Führerschein gemacht, mein eigenes Auto bekommen, studiert, mit meinen Freunden verreist - alles Dinge, die sich meine Freunde in der Türkei nicht leisten konnten - damals!!! Ich glaube diese Vergleiche haben mir immer sehr deutlich gemacht, was für ein priviligiertes Leben wir hier in Deutschland genießen.

Natürlich gehörte dazu auch harte Arbeit, aber man hatte schon ein zufriedenes Leben, wenn man "gearbeitet hat wie ein Deutscher und gelebt hat wie ein Türke" (pflegte mein lieber Papi immer zu sagen). Ja ich glaube so leben wir heute, mein Mann und meine kleine Kernfamilie.

9. Hattet ihr viel Kontakt zu anderen Türken, oder eher mehr zu Deutschen?

Wir haben eher viel Kontakt zu Türken gehabt als zu Deutschen. Das war ganz normal, meine Eltern konnten zwar deutsch sprechen, aber nie so gut, dass sie sich mit einem Deutschen über ihre Sorgen und Nöte hätten unterhalten können. Die Sprachbarriere war der Hauptgrund.

Trotzdem gehören meine Eltern zu den Mitbegründern des "Deutsch-Türkischen Freundschaftsverein" hier in Hamburg. In diesem Verein haben sie auch sehr viele und engen Kontakt zu Deutschen Familien gehabt. Wir haben zusammen die türkischen Feiertage gefeiert und im gegenzug auch die deutschen Feiertage wie Weihnachten und Ostern. Es war eine sehr schöne und internsive Zeit. Fast 15 Jahre lang waren wir Mitglied in diesem tollen Verein, wo die Toleranz an erster Stelle stand. Ich denke wir haben sehr viel in dieser Zeit voneinander gelernt.

10. Was schätzt du an Deutschland, und was an der Türkei?

An Deutschland schätze ich die Demokratie. Ich finde in Europa gibt es kein einziges Land, wo die Demokratie so wertgeschätzt wird, und wo sie auch gelebt wird. Ich fühle mich als Europäerin und ich bin froh hier in Deutschland, in einem freien Land leben zu können.

An der Türkei schätze ich das Wetter und das Essen!
Wenn es Sommer ist, dann ist in der Türkei Sommer, die Sonne scheint und das bleibt dann auch so bis es Herbst wird. Ich mag das Beständige. Sommer, Sonne und Meer, das ist meine Türkei.

Und zum türkischen Essen brauche ich nicht viel zu sagen. Ich liebe die türkische Küche! Ich esse alles, wirklich alles, was meine Mama mir vorsetzt (wenn ich sie besuche, oder wenn sie hier ist). Ich versuche mich auch als Köchin, einiges gelingt mir auch sehr gut, jedoch anderes wie zum Beispiel, Teig hauchdünn aufrollen, dass kann ich nicht. Aber ich weiß mir immer zu helfen. Zum Glück haben wir viele türkische Läden hier in unserer Umgebung, es lebe die Großstadt,  und dort findet man alles, was man für die türkische Küche braucht.


________________________


Liebes Pünktchen, ich danke dir für deinen Fragenkatalog. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, sie zu beantworten, weil ich wieder in meine Kindheit zurück gegangen bin und das verursacht bei mir immer ein warmes und geborgenes Gefühl.

Jetzt bin ich sehr gespannt, was meine anderen Freundinnen geschrieben haben und freue mich darauf, ihre Lebensabschnitte zu lesen.

Sei' ganz lieb gegrüßt von
Papatya




Kommentare:

  1. Meine Liebe, ich habe deiner Geschichte gebannt gelauscht. Ganz herzlichen Dank dafür und für die Bilder, die du dafür ausgesucht hast. Ich freue mich sehr, daß du meine Fragen beantwortet hast. Ganz herzlichen Dank und liebe Grüße.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Memnuniyetle. Mich bewegt unser aller Leben, jeder hatte einen Grund seine Heimat, Land, Familie, Freunde, und seine Kinder zurück zu lassen und das ist sehr spannend und manchmal auch sehr traurig. Ich danke dir für das Forum dafür das du eröffnet hast. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.

      Löschen
  2. War super interessant und unterhaltend, ich hab's so gerne gelesen. Wie wir uns doch wiederfinden, in unseren Geschichten, nicht wahr? Es kommt einem alles so bekannt vor...und die Fotos fand ich auch sehr beiendruckend und bewegend. Danke, Papatya und liebe Grüße

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Ayşe, es gibt über die damalige Zeit soooo viel zu erzählen. Du hast es in deinem Blog auch schon mehrfach beschrieben ich glaube ich werde auch ab und zu über die Anfänge hier in Deutschland schreiben. Ganz liebe Grüße und dir auch ein schönes Wochenende.

      Löschen
  3. Liebe Papatya,
    was für eine interessante Geschichte. Sie erinnert mich an einen Kinofilm, der vor ein paar Jahren lief. Da kam auch eine Familie aus der Türkei nach Deutschland und ich fand den Film damals schon klasse.
    Für mich klingt Deine Kindheit in der Türkei ein bisschen wie das Paradies. So ging es mir auch bei meinen Großeltern, allerdings hier in Deutschland. Da durfte ich auch alles, toben, schreiben, Obst essen....es gab weit und breit keine Nachbarn...und wenn ich wieder nach Hause musste, hatte ich immer Heimweh nach Oma und Opa.
    Danke für Deinen Post und Dir einen schönen Abend,
    Nicole

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Liebe Nicole,
      Es ist so schön wenn man als Kind Großeltern hat, weil sie einen so nach Strich und Faden verwöhnen:-D
      Meine Söhne wachsen leider ohne Großeltern auf, weil meine Eltern nicht mehr hier leben und väterlicherseits ist kein Interesse an ihnen vorhanden. Aber mein älterer Sohn wurde ein Jahr lang
      von meinen Eltern beaufsichtigt als ich meine Diplomarbeit schrieb, davon erzählt er immernoch. Er war damals 5 jahre alt ich denke er wird das nie vergessen. 
      Wie schön das du auch so tolle Erinnerungen an die Zeit bei dein Großeltern hast. So gesehen hattest du auch paradiesische Verhältnisse bei ihnen. Ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende hoffentlich mit viel Sonne ;-)

      Löschen
    2. Hallo Nicole, ich glaube du meinst den Film "Almanya", der die Frage der Heimat und Identität türkischer Gastarbeiter in Deutschland über mehrere Generationen hinweg thematisiert. Ich habe bereits bei meinem letzten Post drauf hingewiesen, daß der Film morgen Abend um 20.15 Uhr auf Sat1 zu sehen sein wird. Ich weiß zwar, daß ich wieder lachen und auch weinen werde, aber ich schaue ihn mir auch gerne noch ein drittes Mal an.

      Löschen
  4. uiii ich bin ja so durcheinander. Ich denke die ganze Zeit, ich habe meinen Kommentar auch bei euch hinterlassen. Aber ich merke soeben, daß ich es gar nicht getan habe. Ich finde es, wie gesagt super interessant andere Geschichten der Türkodeutschen zu lesen. Und auch wenn wir uns nicht ähneln, sind wir doch im gleichen Boot und das ist gut. Ich freu mich euch hier im "Sanal Alem" kennengelernt zu haben. Dankeschön und ein ganz dickes Knutschi...

    AntwortenLöschen