Donnerstag, 23. Februar 2017

Elira


Nach 8 Jahren ohne Elira habe ich das Gefühl, das ich alles zu diesem Thema gesagt habe. Ich möchte mich auch nicht mehr wiederholen. Aber es wiederholt sich alles.

Wieder ist ein Jahr um. Wieder ist dieser schrecklicher Tag da. Wieder gehen mir die letzten Stunden  durch den Kopf. Wieder fühle ich mich machtlos. Wieder kann ich nicht glauben, was passiert ist. Wieder weine ich um mein Kind. Wieder stelle ich mir die Frage: wie lebe ich jetzt weiter ? Wieder, wieder, wieder....



Einige Wochen nachdem wir unsere Tochter begraben haben und nachdem die Menschen um uns herum wieder zu ihren Leben zurück gekehrt sind, habe ich mich gefragt, wie ich jetzt weiter leben soll? Ich wusste nicht wie das geht! Ich habe Menschen in meiner Familie angerufen die auch so einen großen Verlust zu tragen hatten und gefragt, wie sie damit umgegangen sind. Wie haben sie den Tod des Kindes überwunden? Wie geht das? Geht es überhaupt?

Meine Cousine, deren Sohn mit 5 Jahren verstarb, hat mir gesagt, dass sie die Zeit nur überwunden hat, weil sie noch ein jüngeres Kind zu Hause hatte, das versorgt werden wollte. Kleine Kinder wissen nicht, wie es der Mutter geht. Sie wollen weiterhin ihren geregelten Tagesablauf mit essen, trinken und spielen haben.

Meine in der Türkei lebende Tante, deren Sohn auch sehr früh verstarb, es war ein Verkehrsunfall, sagte mir das gleiche. Sie hatte ihren älteren Sohn, der noch ein Kleinkind war und sie war zu der Zeit schwanger mit meiner Cousine. Sie sagte, dass sie wie ein Roboter weiter funktioniert hat und das sie gar keine Zeit zum trauern hatte, weil sie sich um Kind und Kegel kümmern musste. Erst als ihre Kinder älter wurden hat sie um ihren toten Sohn weinen können. Und sie sagte auch, dass die Geburts- und Sterbetage ihres Sohnes sehr schwer zu ertragen sind, auch nach über 50 Jahren.

Es gibt kein Rezept wie man weiter lebt. Bei jedem Menschen gestaltet es sich anders. Ich habe mich auch für ein weiteres Kind entschieden und ich bin sehr glücklich und dankbar dafür. Mein älterer Sohn hat mir damals den Grund gegeben, jeden Tag aufzustehen und ihn zu versorgen, damit er trotz seiner Trauer ein normales Leben hat und  mein jüngerer Sohn hat mir die Hoffnung auf eine Zukunft wieder gegeben, die ich nicht mehr hatte. Meine Kinder trösten mich, ersetzen aber in keinster Weise mein verstorbenes Kind.

Der Schmerz ist geblieben. Die Tränen auch. Ich habe gelernt mit dem Schmerz zu leben. Ich bin glücklich mit meinen Söhnen, habe die Mädchen in meiner Familie, die um mich herum sind auch sehr lieb. Sie ersetzen nicht meine Tochter, aber sie aufwachsen zu sehen oder mit ihnen etwas zu unternehmen, empfinde ich als ein riesen Geschenk.

Das Lied *Mensch* von Herbert Grönemeyer, den er für seine verstorbene Frau geschrieben hat, drückt meine Gefühle für heute sehr gut aus.


Momentan ist richtig,
momentan ist gut,
nichts ist wirklich wichtig,
nach der Ebbe kommt die Flut.

Am Strand des Lebens,
ohne Grund, ohne Verstand,
ist nichts vergebens,
ich bau' die Träume auf den Sand.

Und es ist, es ist ok,
alles auf dem Weg,
und es ist Sonnenzeit,
unbeschwert und frei.

Und der Mensch heißt Mensch,
weil er vergisst,
weil er verdrängt,
und weil er schwärmt und stählt,
weil er wärmt, wenn er erzählt,


Und weil er lacht,
weil er lebt,
du fehlst.

Das Firmament hat geöffnet,
wolkenlos und ozeanblau,
Telefon, Gas, Elektrik,
unbezahlt, und das geht auch.

Teil' mit mir deinen Frieden,
wenn auch nur geborgt,
ich will nicht deine Liebe,
ich will nur dein Wort.

Und es ist, es ist ok,
alles auf dem Weg,
und es ist Sonnenzeit,
ungetrübt und leicht.

Und der Mensch heißt Mensch,
weil er irrt und weil er kämpft,
und weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt.

Und weil er lacht,
und weil er lebt,
du fehlst.

Oh, weil er lacht,
weil er lebt,
du fehlst.


(Instrumental)

ohhhhh es ist ok,
alles auf dem Weg,
und es ist Sonnenzeit,
ungetrübt und leicht.

Und der Mensch heißt Mensch
weil er vergisst,weil er verdrängt.

Und weil er schwärmt und glaubt,
sich anlehnt und vertraut.

Und weil er lacht,
und weil er lebt,
du fehlst.

Oh, es ist schon ok,
es tut gleichmäßig weh,
und es ist Sonnenzeit,
ohne Plan, ohne Geleit.

Und der Mensch heißt Mensch,
weil er erinnert, weil er kämpft,
und weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt.

Und weil er lacht,
und weil er lebt,
du fehlst.

Oh, weil er lacht und
weil er lebt,
du fehlst.


Elira du fehlst. Auch nach 8 Jahren und wahrscheinlich auch nach 80 Jahren.
Nur icinde yat güzel gözlüm...



Kommentare:

  1. Es ist immer schwer, einen geliebten Menschen gehen zu lassen - unter tragischen Umständen sicherlich einmal mehr. Der Gedanke, ein Kind zu verlieren, schnürt mir jedes Mal die Kehle zu und macht mir das Herz ganz schwer. Inzwischen kenne ich durch einige Blogs ähnliche Verluste von Kindern... und auch wenn man diese persönlich nie kennengelernt hat, weiß man um sie, um den Schmerz ihrer Familien. Es ist gut, daß du dich mit diesen Menschen austauschen kannst, die einen ähnlichen Schicksalsschlag zu verkraften haben. Es ist gut, daß du einen Partner an deiner Seite weißt, der mit dir durch dieses Tal geschritten ist. Es ist gut, daß es den älteren und den jüngeren Sohn gibt. Es ist gut, daß du immer wieder über eure Tochter schreibst.

    Ich drücke dich ganz fest an mein Herz.

    Nur içinde yatsın yavrun Elira.

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  2. Und immer wieder kommen mir die Tränen, wenn Du über Deine kleine Tochter schreibst.
    Der Schmerz geht nie weg, egal wie lange es her ist, egal wie alt Du wirst.
    Sie wird immer fehlen. Aber man lernt damit zu leben, man muss es sogar, denn sonst wäre es ja kein Leben mehr.
    Ich drücke Dich und wünsche Dir einen schönen Tag, erfreue Dich an Deinen beiden tollen Jungs und drück sie feste...
    ganz lieben Gruß, Nicole

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  3. Und wieder bricht es mir das Herz und ich leide so mit Dir, meine Liebe...
    Für eine Mutter wird so ein Schmerz immer da sein, ihr ganzes Leben lang. Ich kenne es von meiner Mutter...

    Öpüyorum ve kucakliyorum seni canim. Nurlar icinde yatsin kuzucugun... ♥

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